21. März 2010 • Wolfgang Wagner stirbt in Bayreuth

wolfgang wagner

Mit fast sechzig Jahren an der Spitze der Bayreuther Festspiele ist Wolfgang Wagner nach seiner Großmutter Cosima nicht nur der am längsten amtierende, sondern auch der – um es mit einem Modewort zu bezeichnen – »nachhaltigste« Leiter in der 137jährigen Festspielgeschichte. Dabei war ihm die Rolle des dynastischen Statthalters gar nicht zugedacht. Als sein Vater Siegfried 1930 starb, übernahm seine Mutter Winifred die Leitung der Festspiele und betrachtete Wolfgangs älteren Bruder Wieland als den zukünftigen »Herrscher auf dem Hügel«.

Wolfgang wollte Dirigent werden, mußte aber nach einer schweren Kriegsverletzung an der Hand diesen Plan fallen lassen. Erst nach dem Ende des Krieges, als es zunächst gar nicht so aussah, als ob die Wagners überhaupt in Bayreuth bleiben dürften, schlug seine Stunde.

Gemeinsam mit Wieland konzipierte er die Struktur für das, was später als »Neu-Bayreuth“ bezeichnet wurde. Unterstützt wurden beide Wagner-Enkel seit 1949 von der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e. V. Und nachdem Winifred zugunsten ihrer Söhne von der Leitung der Festspiele zurücktrat, teilten sich Wieland und Wolfgang die Rollen als künstlerischer Leiter und Manager. Was einem Aussenstehenden als ideale Vereinigung von Fähigkeiten erscheinen mochte, muss zumindest im persönlichen Umgang unter den Brüdern alles andere als harmonisch verlaufen sein.

Denn als Wieland 1966 starb und von nun an die alleinige Festspielleitung bei Wolfgang lag, ging es innerfamiliär »typisch wagnerisch« zu, mit Verbannungen und Schweigemauern und in der Öffentlichkeit ausgetragenen Auseinandersetzungen. (Hier ein paar Beispiele für die »nachträgliche Abrechnung«.) Wolfgang war jedoch klug genug, die Inszenierungen seines Bruders nicht sofort vom Spielplan zu nehmen, kam nun auch mit eigenen Regiearbeiten dazu und holte in verstärktem Maße für Neuinszenierungen interessante Regisseure mit deren Teams von ausserhalb, was immer wieder Reibungen erzeugte, die jedoch produktiv genutzt wurden, beispielsweise für die Werkstatt Bayreuth.

Bis heute – fünf Jahre nach seinem Ausscheiden aus der Festspielleitung und drei Jahre nach seinem Tod – ist sein Ruf als Prinzipal, »der jeden im Hause kannte und sich selbst um die Klorollen gekümmert hat«, unangetastet, das ist auch eine Form von »Nachhaltigkeit«.

Unlängst erschienen ist übrigens ein Buch seines einstigen Pressechefs Oswald Georg Bauer. Bauer widmet sich dem Festspielleiter, Regisseur und Bauherren, vermeidet jedoch einen kritischen Blick auf den Porträtierten, wie Dieter David Scholz in seiner Kritik findet.

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