12. August 2013 • Freunde treffen Freunde • Hinter der Geschichte

Richard Wagner als Mozart des 21. Jahrhunderts

Wissenschaftler und Buchautor Sven Oliver Müller über die emotionale Wirkung des Komponisten

Sven Oliver Müller

Sven Oliver Müller

Der 200. Geburtstag Richard Wagners wird der letzte große Hype um den Komponisten sein. „Richard Wagner ist auf dem besten Weg, ein ganz normaler Komponist zu werden“, das jedenfalls glaubt Dr. Sven Oliver Müller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Der Wissenschaftler hat aktuell ein Buch über Richard Wagners emotionale Wirkung in Deutschland herausgegeben. Bei einer Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth nahm er die Rezeptionsgeschichte der Wagner-Opern unter die Lupe. Dabei kam er unter anderem zu dem Schluß, daß Wagner in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten immer häufiger aufgeführt, aber gleichzeitig auch immer häufiger akzeptiert wird. „Wagner wird der Mozart des 21. Jahrhunderts“, so Müller. Als sichtbare Zeichen dafür nannte er die Vermarktung Richard Wagners als Pappfigur, auf Briefmarken und Münzen, auf Tellern und Tassen oder als CD mit dem Titel: „Walking mit Wagner“.

Der Referent rief auch dazu auf, Richard Wagner nicht zu überschätzen. In großen Teilen der Welt sei Wagner nur einer verschwindenden Minderheit bekannt, in Afrika, China oder Indien beispielsweise. In Deutschland selbst sei die Musik Wagners auch nur etwa fünf Prozent wirklich bekannt. Alle anderen setzten Wagner mit dem Walkürenritt oder dem Brautmarsch aus dem Lohengrin gleich, weil  beide Kompositionen immer wieder als Bestandteil von Hollywoodstreifen auftauchen.

Das alles sei freilich nicht immer so gewesen. Bisher habe Richard Wagner unter anderem auch die Widersprüchlichkeit seiner Rezeption am Leben gehalten. Müller nannte beispielsweise die Bayreuther Meistersinger-Inszenierung des Jahres 1925, mit der sich gezielt die wachsende Menge rechtskonservativer Besucher angesprochen sah, in der Bayreuth als „die deutsche Waffenschmiede“ dargestellt wurde und in der das Publikum nach der Ansprache des Hans Sachs das Deutschlandlied anstimmte.

Der Wissenschaftler erinnerte auch an die Wiederaufnahme der Festspiele 1951, wo Wieland und Wolfgang Wagner dafür sorgten, daß keine traditionellen und realistischen Inszenierungen mehr zu sehen waren, sondern expressive. Der berühmte Aufruf „Hier gilt´s der Kunst“ habe vieles verraten, weil er vieles verschwieg, so Müller. Gerade der Verzicht auf eine politische Sicht sei eben auch politisch. Dann schließlich der Jahrhundert-Ring von Patrice Chereau 1976. Die Proteste dagegen seien bis heute einzigartig geblieben. Müller erinnerte an tumultartige Szenen und Krawalle im Zuschauerraum, an Flugblätter und Schmähschriften selbsternannter Wagner-Kritiker bis hin zu übelsten Drohungen gegen die Verantwortlichen.

Das alles zeige, so Müller, daß Emotionen zu allen Zeiten den Streit um Richard Wagner bestimmt haben. Als Grund dafür vermutet er, daß sich in Wagners Figuren alles hineininterpretieren lasse: „Wagner ist deutungsoffen“. Bester Beweis dafür sei die Entdeckung Wagners durch die damalige DDR, die den Komponisten ab den 1960er Jahren allen Ernstes als linken Komponisten präsentiert hätte.

Stephan Herbert Fuchs

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