Neu entdeckte Wagner-Büste von Kietz jetzt im Richard Wagner Museum

Die neu entdeckte Wagner-Büste

Die neu entdeckte Wagner-Büste

Im November 2014 entdeckte Peter Werth im Kunsthandel eine leicht überlebensgroße Porträt-Büste von Richard Wagner, die signiert ist mit »G.A.Kietz 1874« . Dr. Oswald Georg Bauer hat zu dieser bisher unbekannten Büste ein Exposé verfasst, aus dem wir hier auszugsweise wiedergeben:

Im Juni 1873 traf Kietz in Bayreuth ein, um Wagners Büste zu modellieren. Nachdem die Kiste mit dem »Ton und Werkzeug« eingetroffen war, sah sich Kietz den noch nicht bezogenen Neubau von Wahnfried an. […] Er suchte einen Raum mit nach Norden gehenden Fenstern aus, die jedoch noch nicht verglast waren, so daß die Sitzungen manchmal wegen der großen Kälte erschwert waren und Wagner einen Pelz tragen mußte.

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Kietz schrieb an seine Frau: »Die Sitzungen gehen regelmäßig vorwärts. Leider habe ich Wagner selten alleine, die Kinder kommen meist alle mit, auch Russ, der große Hund, und zuletzt kommt noch Frau Cosima. Das alles erschwert die Arbeit bei seiner großen Lebendigkeit sehr. Sind wir einmal allein, dann wirft er den Kopf meist zurück und singt aus Sinfonien, Quartetten, Opern, auch mir noch unbekannte Weisen. Es kommt auch öfter vor, wenn ich gerade recht eifrig und still bei der Arbeit bin und mich dann einmal zu ihm wende, um eine Form genauer zu verfolgen, dass ich zu meinem Entsetzen eine fürchterliche Grimasse vor mir sehe, den Mund mit beiden Fingern weit aufgerissen, die Augen verdreht – das echte Leipziger Gassenbubengesicht! Als bei einer solchen Gelegenheit Frau Cosima hereintrat und erschrocken ausrief »Aber Richard!« – sagte Wagner: »Nun, was ist denn da weiter, das sind Erinnerungen für Kietz, der ist ja auch ein Leipziger!« […]

Nach Kietz‘ eigener Aussage hat er mindestens zwei verschiedene Versionen der Wagner-Büste angefertigt: die erste, offizielle, in Wahnfried aufgestellte, und eine zweite, größere, die sehr viel realistischer und wirklichkeitsnäher ist. Die erste hat er »auf Wunsch in antiker Art ohne Pupillen und Gewandung gehalten.[…] Die Büste wirkt idealisierend, antikisierend und verschönernd, von den Haaren bis zum Gesichtsausdruck. […]

Bei der jetzt wieder aufgefundenen Marmorbüste handelt es sich um eine zweite Version, die Kietz ebenfalls 1874 angefertigt haben muß, wie die Datierung beweist. Sie ist völlig anders als die »Wahnfried-Version« und ist bisher völlig unbekannt geblieben. Sie ist sehr viel wirklichkeitsnäher, ausdrucksstark, und in keiner Weise antikisierend oder geschönt. Die Pupillen sind bei dieser Büste deutlich herausgearbeitet. Auch die Haare sind nicht geordnet. Statt des antiken Oberkörpers trägt Wagner eine Jacke, eine Krawatte und einen dicken Pelzmantel, ein Hinweis auf die Kälte in dem noch unfertigen Raum ohne Glasfenster bei der Sitzung in Wahnfried. […]

Was bei der jetzt wiedergefundenen Wagner-Büste auffällt, ist die ungewöhnliche Ausdruckskraft der Augen, denen auch sorgfältig ausgearbeitete Pupillen eingefügt sind. Für Kietz war das ein wichtiges Charakteristikum in der Physiognomie Wagners. […] Auch die Charakterisierung als »überlebensgroß« ist zutreffend. Wagner war von kleiner Statur. Die Maße der Büste sind: Höhe 76 cm, Schulterbreite 62 cm. […] Diese Porträt-Büste Richard Wagners ist von einer Präsenz und einer Ausdruckskraft wie keine der bisher bekannten.
Erfreulicherweise wurde die Büste im April 2015 durch die Oberfrankenstiftung erworben und wird als Dauerleihgabe dem Richard Wagner Museum Bayreuth zur Verfügung gestellt.

Zitat aus: Gustav Adolph Kietz. Richard Wagner in den Jahren 1842-1849. Erinnerungen von Gustav Adolph Kietz. Aufgezeichnet von Marie Kietz, Dresden 1905, S. 157.

Quelle: Oswald Georg Bauer, Exposé zu: Gustav Adolph Kietz, Porträt-Büste Richard Wagner im weißen Marmor, München, 15. Februar 2015.

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