Nicht Jedermanns Sache • Statisterie-Chef Martin Scholti bei »Freunde treffen Freunde«

160807 GdF Scholti Martin

Der Leiter der Statisterie bei den Bayreuther Festspielen, Martin Scholti, mit Ina Besser-Eichler.

Hautfarbene String-Tangas für Herren, Beethoven-Büsten auf Motorradhelmen und ein 56er Mercedes, der einmal Janis Joplin gehört haben soll: Die Bayreuther Festspiele sind nicht nur das Mekka aller Richard-Wagner-Fans, sondern auch eine Ansammlung von Kuriositäten. Einer, der das seit vielen Jahren hautnah mitbekommt, ist Martin Scholti, Leiter der Statisterie auf dem Grünen Hügel. Bei einer Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth berichtete der 39-jährige nicht nur aus seinem Alltag, sondern erklärte auch, wie sich das Verständnis vom Statisten grundlegend geändert hat.

»Früher war ein Statist jemand, der etwas rein-, und später wieder hinausgetragen hat«, sagt Scholti. Heute seien grundlegende Kenntnisse des Werks unabdingbar. Während der Statist früher durch etwas abwertend betrachtet worden sei, müsse er heute eine richtige Rolle ausfüllen. Dafür könne man Wagner auch mal von einer ganz anderen Seite kennen lernen. »Das ist absolut genial«, schwärmt Scholti, der seit 2002 auf dem Grünen Hügel dabei ist und 2013 die Leitung der Statisterie übernommen hat. Der Statist, sagt er, sei zwar das kleinste Rädchen, aber ohne das würden die Festspiele nicht laufen.

Bedarf an Statisten haben die Festspiele immer, denn die Aufgabe sei absolut zeitaufwendig. Scholti, der bei Stäubli tätig ist, wird eigens von seinem Betrieb freigestellt. Mehreren Unternehmen in Bayreuth sei die Bedeutung der Festspiele für die Region bewusst, so dass sie ihren Beschäftigten  gerne mal frei geben, wenn sie sich derart engagieren. Trotzdem sei der Kreis der in Frage kommenden Personen schon sehr begrenzt. Sie kommen in der Regel alle aus Bayreuth und Umgebung. Alles andere würde sich gar nicht lohnen, meint Scholti.

70 Statisten sind aktuell im Einsatz, davon drei Kinder für die aktuelle Parsifal-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg. Insgesamt gebe es einen Pool von knapp 100 Leuten, aus denen Scholti im Auftrag des Regisseurs ein halbes Jahr vor Beginn der Proben die Richtigen heraussucht. Einfach sei dies nicht immer. Christoph Schlingensief habe für seine Parsifal-Inszenierung dunkelhäutige Afrikaner gewollt. Man sei daraufhin sogar in Asylbewerberunterkünfte gegangen, um sie zu finden. Auch ein Kind mit Down-Syndrom habe damals mitgewirkt. Für Scholti eine gute Idee, ganz im Sinne Richard Wagners, auch »Randgruppen« zu integrieren und sie aktiv an den Festspielen teilhaben zu lassen.

Besonders schwierig sei es, Statisten für Nacktrollen zu finden. »Das ist nicht jedermanns Sache«, so Scholti. Da gehe man auch schon mal, wie heuer geschehen, in die Fitnessstudios, um Ausschau nach geeigneten Bewerbern zu finden. Danach fänden dann richtige Castings statt, bei denen die Bewerber auf ihre schauspielerischen Fähigkeiten getestet würden.

Viele kuriose Begebenheiten hat Scholti schon erlebt, etwa als er in der Rheingold-Inszenierung von Tankred Dorst einen Elektriker im echten Blaumann gab. Dirigent Christian Thielemann, der nicht wusste, dass dies zur Inszenierung gehörte, habe entnervt die Probe unterbrochen und lautstark auf die Bühne gerufen: »Was willst denn du jetzt da?«.

Als sich ein Kinderstatist in einer Lohengrin-Aufführung in der Regie von Hans Neuenfels einmal übergeben musste, hätten kurzerhand die Statisten die Regie übernommen und einen aus ihren Reihen mit Wischmopp auf die Bühne geschickt. »Wir haben einfach so getan, als würde das jetzt dazugehören«, erzählt Scholti. Im Publikum hätte es niemand bemerkt. Überhaupt ist für Scholti Hans Neuenfels »einer der coolsten Regisseure«. Seine Aussprüche füllten bereits ganze Notizbücher, unvergessen sei auch, wie sich Neuenfels selbst das Rattenkostüm überwarf und über die Bühne sprang.

Die hautfarbenen String-Tangas für Herren gab es in der Walküre-Inszenierung von Tankred Dorst. Die Büsten berühmter Persönlichkeiten aus der Kunstgeschichte kamen in der Meistersinger-Inszenierung von Katharina Wagner vor. Für Martin Scholti eine der größten Herausforderungen, fast eine Stunde lang bei sengender Hitze regungslos zu stehen, nicht nur mit dem Motorradhelm auf dem Kopf, sondern auch die riesige Büste Beethovens. Aktuell ist Scholti unter anderem damit beschäftigt, in der Rheingold-Inszenierung von Frank Castorf den 56er Mercedes Benz auf die Bühne zu fahren. »Ich zittere auch heute Abend wieder, dass dieses Auto anspringt«, sagt er. Der amerikanische Mercedes gehört einem Gönner der Bayreuther Festspiele. Erstbesitzerin soll übrigens die 1970 verstorbene Rocklegende Janis Joplin gewesen sein.

Viele bekannte Bayreuther Persönlichkeiten sind immer wieder auch als Statisten tätig geworden. Stadtführerin Elfriede Tittlbach beispielsweise mimte eine dekadente Dame in Tankred Dorsts Götterdämmerung, Stadtrat Stefan Müller war vor Scholti Leiter der Statisterie, und Eishockey-Legende Anton Doll war der Richard Wagner in Katharinas Meistersingern.

Stephan Herbert Fuchs

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