Parsifalwörterbuch • Gral

»Wer ist der Gral? Das sagt sich nicht«, sagt Gurnemanz.
Tatsächlich hat sich die Bedeutung des »dinc« (wie es von Wolfram von Eschenbach, dem Dichter des Parzival, um 1200 bezeichnet wird) längst von seiner ursprünglichen Bedeutung emanzipiert.
Im Altfranzösischen bedeutet graal einfach Vorlegeschüssel. Das Wort hängt zusammen mit der frankolateinischen, in dieser Schreibweise erstmals 1010 bezeugten gradalis, einer großen, etwas vertieften Platte, in der den Wohlhabenden die kostbarsten Speisen gereicht wurden. Vermutlich leitet sich dieser Begriff vom griechischen kratér ab (ein Krug/Kessel für Wein).
Erst Ende des 12. Jahrhunderts wurde in der französischen Grals-Epik das »dinc« mit einer Christus-Reliquie verbunden und erfunden: mit dem Gefäß – einer Schale oder, wie im Parsifal, einem wundertätigen, lebensspendenden Kelch, der beim letzten Abendmahl in Einsatz kam, und mit welchem das Blut Christi am Kreuz aufgefangen wurde.
Neuere Herleitungen des Gral aus dem sang real (dem königlichen Blut Christi) sind hübsch, aber unsinnig.

Da Parsifal in diesem Jahr als Neuinszenierung auf dem Bayreuther Spielplan steht, haben wir uns vorgenommen, jeden Monat einen besonderen Begriff aus Wagners Wortschatz vorzustellen. Unser Autor ist der Musikwissenschaftler Dr. Frank Piontek.