Festspiel-Steckbrief • Anne Theresia Wanders

Kein blaues Mädchen: Anne Theresia Wanders bei der Arbeit

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Herrenschneiderin bei den Bayreuther Festspielen seit 2018

Usprünglich komme ich aus …

… Duisburg. Meine Ausbildung zur Damenschneiderin war die Grundlage für ein Modedesignstudium. Nach einer Buchveröffentlichung, journalistischer Arbeit und Lehraufträgen an der HAW Hamburg und der University of West London habe ich zuletzt in London drei Jahre als Schnittmacherin für große Designfirmen wie Tom Ford und Ralph & Russo gearbeitet. Zurück in Deutschland war ich am Theater Dortmund als Kostümassistentin beschäftigt.

Obwohl ich eigentlich eine Ausbildung als Damenschneiderin habe, …

… bin ich hier in Bayreuth als Herrenschneiderin engagiert. Über die Möglichkeit, flexibel einsetzbar zu sein, freue ich mich sehr. Im Moment bin ich vor allem mit dem Nähen von Hosen für verschiedene Solisten der Neuproduktion des Lohengrin beschäftigt. Das Arbeiten hier ist ein ganz anderes als in der Mode, da es einem viel mehr Handarbeit und Geduld abverlangt. Außerdem müssen die Kleidungsstücke andere Anforderungen erfüllen. Sie müssen schnell auf eine andere Figur zu ändern, trotzdem aber natürlich bequem sein, halten, toll aussehen – der Sänger muss sich darin einfach wohl fühlen, in die Rolle einfühlen und singen können. In der Mode hat man bei einer Kollektion zum Beispiel drei Stoffe in verschiedenen Farben. Bei den Festspielen sind die Materialqualität, die Schwere, die Dicke, der Fall sehr vielseitig. Ich freue mich schon auf die Generalproben, wenn Kostüm, Bühnenbild, Musik und Dramaturgie zusammenlaufen und man das Gesamtkonzept sicherlich noch besser versteht.

Für uns in der Schneiderei …

… sind die Anprobentermine mit den Darstellern wichtig. Einige Darsteller waren nun schon da, um das Kostüm anzupassen, andere Anproben stehen noch an. Das ist eine große Terminkoordination, besonders bei den berühmten Sängern, bei denen zeitlich alles sehr eng getaktet ist. Spätestens bis zur Generalprobe muss alles sitzen, man hofft natürlich, dass dann nach der Probe nichts mehr zu ändern ist, das kann aber natürlich immer passieren.

Meine Arbeit am Grünen Hügel ist einzigartig, weil …

… man ganz konzentriert sehr viel Neues lernt. Es ist meine zweite Theatererfahrung überhaupt und meine erste Festspielerfahrung. Wenn ich mit meiner Familie spreche, dann sage ich manchmal etwas flapsig, das ist hier ein bisschen wie Ferienlager mit Arbeiten. Das heißt nicht, dass wir unsere Arbeit nicht ernst nehmen oder Dinge schleifen lassen würden, wir arbeiten sehr kontinuierlich, mit Ehrgeiz und professionellem Stolz. Trotzdem ist die Stimmung einfach gut, und es herrscht eine große Wiedersehensfreude zwischen alten Kollegen und neuen Leuten, die wie ich dazukommen und sofort integriert werden. Es gibt ein paar Rituale, wie „zur Musi fahren“ am Montag, das findet in einem urigen Gasthof statt. Da kann man Schnitzel essen, es gibt Volksmusik zum Mitsingen, und eine ältere Dame dreht die Runde und erzählt an jedem Tisch zwei dreckige Witze. Das ist einfach urig! Sowas würde man zuhause wahrscheinlich nie machen, aber hier ist es einfach eine lustige Erfahrung.

Ein besonderes Erlebnis am Grünen Hügel …

… war natürlich, als unser Lohengrin kurzfristig abgesprungen ist. Ich finde das persönlich schade, weil ich seine Hose genäht habe. Eigentlich ist das doch der schönste Moment, wenn ein Sänger ein Kleidungsstück trägt, das man selber genäht hat, da kann man dann schon ein bisschen stolz darauf sein. Aber es ist jetzt natürlich auch eine spannende Herausforderung, wenn man alles sehr schnell für einen neuen Darsteller komplett neu fertigen muss.

Die Musik Richard Wagners …

… lerne ich gerade erst richtig kennen. In der Werkstatt haben wir einen Fernseher und Musikübertragung von den Proben und das, was ich höre, finde ich schon extrem intensiv. Beim Arbeiten ist mir das sogar manchmal zu viel, aber ich kann mir vorstellen, dass es mich dann in der Probe sehr mitreißen wird. Auf den besonderen Klang in Bayreuth bin ich schon sehr neugierig.

Wenn ich nicht gerade am Grünen Hügel bin, …

… schreibe ich regelmäßig, leidenschaftlich und kann es nicht sein lassen: Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, meinen Blog. Besonders Gedichte lese ich bei Gelegenheit öffentlich vor und suche immer nach Mitstreitern, die das mit mir zum Beispiel filmisch umsetzten wollen. Es ist schon mehr als ein Hobby.

Nach Bayreuth liebäugle ich damit, wieder freiberuflich als Schneiderin und als Schnittmacherin tätig zu sein; mich auf neue Situationen an neuen Orten einzulassen, finde ich sehr schön. Vielleicht gehe ich auch auf Wanderschaft. Nach meiner Ausbildung bin ich nicht auf die Walz gegangen, aber vielleicht mache ich jetzt einfach meine persönliche Walz.

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