Lohengrins Juristisches Wörterbuch • Zeihen

Ohne das »Zeihen« kommt das Lohengrin-Libretto nicht zum zentralen Anklagefall. »Des Brudermordes zeih‘ ich sie«, singt Telramund, »der sie so schwer zu zeihen wagte«. Im Alt- und Mittelhochdeutschen bedeutet das juristische Verb »zīhan« und »zīhen« an- bzw. beschuldigen. Im »Bezichtigen« ist das ursprüngliche Wort noch vorhanden: Da der Bezichtiger – in diesem Fall auf Elsa – hinweist und damit zeigt, ist die Verwandtschaft mit dem sanskritischen diśáti (zeigt, führt vor, legt dar), dem griechischen »deiknýnai« (zeigen) und dem lateinischen »dīcere« (sprechen, sagen) offensichtlich. Das genaue Gegenteil ist das »verzeihen«; diese Wortbedeutung entsteht seit dem 15. Jahrhundert: Wer verzeiht, verzichtet auf seinen Rechtsanspruch zur Wiedergutmachung, wenn er dem Schuldigen vergibt: so wie Lohengrin partiell Telramund verzeiht, als er ihm nach dem Zweikampf sein Leben lässt.

Richard Wagner hat in seinem Lohengrin etliche verzwickte juristische Fälle und Probleme untergebracht. Dabei erwies er sich als äußerst quellenkundig. Er konsultierte mehrere Rechtsgeschichten (u.a. von Jacob Grimm), um die Handlung seiner Oper möglichst realistisch auszustatten – und mit vielen juristischen Fachbegriffen aus der Spielzeit der Oper (10. Jahrhundert) zu versehen. Da sie sich heute nicht mehr von selbst verstehen, wird Frank Piontek anläßlich der  Neuinszenierung des Lohengrin 2018 Verständnishilfe leisten.