Freunde treffen Freunde • Steingraebers Gralsglockenklavier

Udo und Cordelia Schmidt-Steingraeber zeigen einen spielbereiten Nachbau der Gralsglocken, der in der Bayreuther Klaviermanufaktur ausgestellt wird. (Foto: Fuchs)

Es ist das wahrscheinlich kurioseste Instrument der Welt: ein Klavier, das nur vier Töne (C-G-A-E) spielt und das Richard Wagner persönlich erfunden hat. Gebaut hat es 1882 die Klaviermanufaktur Steingraeber in Bayreuth. Eine Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth mit Firmenchef Udo Schmidt-Steingraeber widmete sich diesen überirdisch fremdartigen Klängen und der Geschichte, wie sie von seinem Unternehmen zum Tönen gebracht wurden.

Im Gegensatz zu anderen Komponisten hat sich Richard Wagner erst spezielle Klänge ausgedacht und dann jemanden gesucht, der sie realisieren kann. So gibt es Wagner-Tuben, Lohengrin-Trompeten, das Nibelungen-Schlagwerk und eben die Gralsglocken, die das Leitmotiv für den Gralstempel im Parsifal bilden. Es spielt im tiefsten Bass und soll dem Zuhörer mit einem heiligen Schauer anrühren – gewaltig, glockengleich und eben nahezu unerreichbar tief.

Eine echte Glocke müsste 260 Tonnen schwer sein und benötigte einen Durchmesser von 7 Metern, so Udo Schmidt-Steingraeber, um den gleichen Effekt wie das Gralsglockenklavier zu erreichen. Steingraebers Vorfahr Eduard Steingraeber war es, der zur Uraufführung 1882 in Bayreuth das allererste Gralsglockenklavier baute.
Eine 260 Tonnen schwere Glocke gibt es natürlich nicht. Als tiefste klingende Glocke der Welt gilt die »Pummerin« im Wiener Stephansdom, immerhin 23 Tonnen schwer mit einem Durchmesser von 3,20 Metern. Die Zarenglocke, die im Moskauer Kreml ausgestellt ist, ist mit einer Höhe von 6,14 Metern und einem Gewicht von über 200 Tonnen zwar ungleich größer und schwerer, doch ist sie beim Herausholen aus der Form zerbrochen und kann deshalb nicht erklingen.
Das Steingraeber-Gralsglockenklavier ist bis 1981 im Festspielhaus gespielt worden, zuletzt in Wolfgang Wagners erster Parsifal-Inszenierung unter dem Dirigat von Horst Stein, und zwar vom Aufnahmeraum in der dritten Etage der Ostseite aus. »Das Gralsmotiv im ersten und im dritten Akt des Parsifals soll dem Zuhörer etwas Gewaltiges und auch Gewaltbereites vermitteln, etwas noch nie Gehörtes«, erklärt Udo Schmidt-Steingraeber und verweist darauf, dass die Gralsglocken etwa 20 Töne tiefer liegen als die »Pummerin« im Wiener Stephansdom. Das ursprüngliche Gralsglockenklavier aus dem Hause Steingaeber setzte sich aus stark überspannten, 220 Zentimeter langen Saiten zusammen, die von vier, jeweils acht Zentimeter breiten Hämmern angeschlagen wurden. Die Tasten hatten eine Breite von 7 Zentimetern.
Was so besonders ist am Glockenton, erklärt Udo Schmidt-Steingraeber, der das Unternehmen in mittlerweile sechster Generation leitet, so: »Ein Glockenton hat keine geordnete Obertonstruktur, sondern parasitäre Obertonketten.« Soll heißen: Im Gegensatz zum herkömmlichen Klang gibt es immer einen diffusen Nachhall, und den zu erzeugen, ist die eigentliche Kunst.
Versuche habe es viele gegeben, beispielsweise durch den legendären Wagner-Dirigenten Karl Muck. Er platzierte 1926 vier gigantische Weinfässer aus Holz auf der Hinterbühne des Festspielhauses, in denen riesige Sägeblätter verbaut waren. Sie sollten das Steingraeber-Klavier verstärken. Wie das geklungen hat, kann man heute auf CD nachhören. Nach Muck hatten Arturo Toscanini und Wilhelm Furtwängler dieses wahrscheinlich größte Musikinstrument der Welt genutzt. Auch Röhrenglocken wurden schon eingesetzt oder das längst vergessene Instrument mit dem Namen Trautonium, ein Vorläufer des Synthesizers.
Heute steht das originale Gralsglockenklavier im Festspielhaus. Einen Nachbau bewahrt die Familie eines ehemaligen Festspielmusikers in Stuttgart auf und bringt ihn auch hin und wieder in öffentlichen Konzerten zum Klingen.
Die Gralsglocken der heutigen Parsifal-Aufführungen werden mittlerweile größtenteils elektronisch erzeugt, was aber nie so hundertprozentig zufriedenstellend sein soll.
Stephan Herbert Fuchs

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