Von Freund zu Freund • Lohengrin auf Arte.tv

Ganz ohne Publikum, dafür als Fernsehübertragung, wurde am 13. Dezember Calixto Bieitos Neuinszenierung des Lohengrin an der Staatsoper Unter den Linden aufgeführt. Thomas Rauchenwald, Mitglied der Freunde von Bayreuth, schickt uns seine Gedanken zur der Inszenierung. Auf Arte.tv ist die Produktion noch bis zum 15. Januar 2021 online verfügbar. Besprochen wurde diese unter anderem auch in der WELT sowie bei derFreitag.

Sie können zusammen nicht kommen: Calixto Bieito inszeniert Lohengrin an der Berliner Lindenoper (Thomas Rauchenwald)

Im Rahmen der Initiative „Wir bleiben offen“ werden nun auch in ARTE TV in den nächsten Wochen Aufführungen aus verschiedenen Musentempeln zeitversetzt live in die Wohnzimmer des Publikums geliefert. Den Beginn macht am 13. Dezember 2020 Richard Wagners romantische Oper Lohengrin, dessen Premiere coronabedingt nicht vor Publikum stattfinden konnte und deshalb als Fernsehübertragung zu erleben war.

Der katalanische Regisseur Calixto Bieito hat eine Lösung erarbeitet, die es ermöglicht, sein ursprüngliches Konzept coronakonform auf die Bühne zu bringen. Dabei wird die ganze Tiefe der Hinterbühne genutzt, damit der Chor mit den vorgeschriebenen Abständen verteilt werden kann, ist es doch besonders für den Chor wichtig, auf der Bühne zu singen, wie es der Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Mathias Schulz, im Vorfeld der Produktion betont und stellt dieses Konzept natürlich eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar. Bieito präsentiert sich erstmals an der Lindenoper, zu seinem Team gehöre noch Rebecca Ringst (Bühnenbild), Ingo Krügler (Kostüme) und Michael Bauer (Licht). „Wichtig ist, dass wir Menschen an etwas glauben, weil wir nicht wissen, was in den nächsten Jahren passieren wird. Solche Gedanken sind gerade in der herrschenden Pandemie aktueller denn je“, wie es der Regisseur selbst formuliert. „Gerechtigkeit und Demokratie sind essentielle Werte im Zeitalter des Informationsüberflusses und der Dunkelheit, wo viele Menschen nicht mehr wissen, was wahr und was falsch ist, weil sie von allen Informationen so überfordert werden und so etwas finden müssen, woran sie glauben können.“ Lohengrin ist für diese Menschen ein Bote Gottes, ein Engel, der alle liebt und allen Menschen Glauben und Glück schenken will – das ist das Hauptthema in einem Märchen, das uns etwas über die Qualität des Menschseins vermittelt: Dieser Ansatz klingt bewegend, weit weg vom schockierenden Klischee, das dem skandalträchtigen Regisseur üblicherweise anhaftet, allein seine Umsetzung auf der Bühne im Rahmen eines psychologischen Kammerspiels gerät durchwachsen. Lohengrin rettet Elsa aus einer Art Hochsicherheitstrakt, wo das Brabanter Volk ihr den Prozess macht. Einsamkeit regiert auf der Bühne, die beiden berühren sich nie, kommen auch nie zueinander. Die Intriganten Ortrud und Telramund zerstören diese Liebe. Bisweilen ist Bieito eine grandiose, weil tiefenpsychologisch ausgefeilte Personenführung zu attestieren, die er aber selbst bedauerlicherweise durch allzu viel und nicht nachvollziehbaren Schabernack zerstört. Warum ist Heinrich der Vogler von Beginn an schwer parkinsonkrank? Was sollen die debilen Gesten des Heerrufers bedeuten, der sich – die Männer im Chor schließen sich ihm an – ein weißes Clowngesicht schminkt? Der Schwan? Einerseits eine Phantasie und Geburt Elsas auf Video, andererseits ein weißes Hemd vor dem nackten Oberkörper der Titelfigur. Unerlöst bleiben alle zurück: Gottfried, der zum Vorspiel auf Video zu ertränken versucht wird, schreitet am Schluss klitschnass aus der Hinterbühne kommend bis zur Rampe. Natürlich dürfen auch Bürosessel als Requisiten nicht fehlen: Überzeugendes steht neben fragwürdig Misslungenem. Schade.

Kammerspiel auf der Bühne, Kammeroper im Orchestergraben mit nur 40 Musiker*innen im coronaentsprechenden Abstand, aus dem Probenraum werden die Königstrompeten zugeschaltet, die Harfen sitzen in der Loge. Diese Besetzung entspricht in etwa jener der Weimarer Uraufführung, kommt den Sänger*innen sehr entgegen, der an sich auf moderne Partituren spezialisierte Matthias Pintscher dirigiert die Berliner Staatskapelle. Und der zwiespältige szenische Eindruck setzt sich leider in der musikalischen Seite der Produktion fort. Pintscher dirigiert transparent, bis zum Ende des zweiten Aktes zügig forsch, dann verfällt er ins Schleppen. Den großen Klang fehlt, man könnte ihn mit einem Orchester dieser Größe suggerieren, weshalb man schmerzlich vermisst, dass der „Chef“, Daniel Barenboim, nicht selbst dirigiert. Der Bühne ist Pintscher aber ein guter Begleiter. Eine Freude ist es, den prächtig differenziert singenden, von Martin Wright einstudierten Chor auf der Bühne und nicht von irgendwo zugeschaltet erleben zu können. Was die Besetzung anbelangt, gibt René Pape einen gewohnt bassstarken, vollstimmigen König und wächst Adam Kutny mehr und mehr im Verlauf des Abends in den Heerrufer hinein. Als Charaktersänger gibt Martin Gantner eine starke Studie des Grafen Telramund, echter Heldenbariton, welchen die Rolle erfordern würde, ist er keiner, in einem größeren Haus sollte er die Partie vielleicht nicht singen. Die Krone des Abends gebührt aber den beiden weiblichen Protagonistinnen: Vida Mikneviciute ist für die erkrankte Sonya Yoncheva eingesprungen, hat die Partie in vierzehn Tagen gelernt und singt eine feine, gleichsam auch starke Elsa mit perfektem Deutsch und wunderbar geführtem Sopran. Ihr nicht nachstehend ist als abgründig böse Seherin Ortrud die fulminante, stimmlich bedrohlich beeindruckende Ekaterina Gubanova mit großem, dramatischen Mezzosopran zu erleben. Eigentlich wollte Roberto Alagna sein Debüt als Lohengrin in Bayreuth geben, doch da stimmte offenbar die Chemie nicht. Nun, schiefgegangen ist es auch dieses Mal: Schwammig in Artikulation und Diktion singt er undifferenziert, eindimensional mit stumpfen, glanzlosen, jeglichen Schmelz entbehrenden Tenor den Schwanenritter. Die Rolle ist bei ihm nur im Mezzoforte angesiedelt, beim Abschied von Elsa bricht ihm die Stimme sogar einmal kurz weg. Der Sänger sollte die Rolle rasch wieder aus seinem Repertoire nehmen. Dieser neue Lohengrin soll im Mai 2021 vor Publikum stattfinden: Hoffentlich – aber bitte mit einer adäquaten Besetzung der Titelpartie und mit Barenboim am Pult.

Mit herzlichen Grüßen aus der Donaumetropole Thomas Rauchenwald

Unter dem Titel Von Freund zu Freund wollen Mitglieder der Freunde von Bayreuth Veranstaltungshinweise geben oder neu erschienene Tonaufnahmen, DVDs oder Bücher rund um Richard Wagner und seine Werke vorstellen. Die Beiträge stellen dabei die persönliche Ansicht des Autors dar.
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