Ringwörterbuch • Reisig

Was ist eigentlich (und uneigentlich) eine reisige Maid? „Nun zäume dein Roß, reisige Maid! Bald entbrennt brünstiger Streit“ – so animiert Wotan seine Tochter zum Krieg. Das Grundwort lautet „reise“, womit ein wenig noch unsere allerdings zivile „Reise“ gemeint ist. „Reise“ bedeutet im Mittelalter „Kriegszug“, „Reisige“ begegnen daher auch im „Heerbann“ des Lohengrin: im Gefolge des Königs, bereit zum Aubruch zur Kriegsreise und gerüstet zum Krieg, also, wie es im Mittelhochdeutschen heisst, „reisic“. Gemeint waren damals vor allem Krieger zu Pferde, was zu Brünnhilde und ihrem Ross Grane sehr gut passt.

Richard Wagner hat im Textbuch zum Ring des Nibelungen aus künstlerisch nachvollziehbaren Gründen viele Wörter untergebracht, die heute kaum noch verstanden werden können, weil sie im normalen Sprachgebrauch seit langem ausgestorben sind. Jedes dieser fremdartig, ja kurios anmutenden Worte beruht auf historisch nachweisbaren Begriffen. Anlässlich der neuen Ring-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2022 erläutert Dr. Frank Piontek die fremdartigsten.

Intermezzi • Impressionen

Bei den diesjährigen Intermezzi konnten sich wieder Mitglieder und Freunde aus aller Welt auf dem schönen Westbalkon des Festspielhauses über Wagner, die Inszenierungen und Musik austauschen oder mit unseren Gästen ins Gespräch kommen. Gäste waren Mitwirkende und Mitarbeiter der Festspiele, u.a. Daniela Köhler (Brünnhilde in „Siegfried“), Peter Krottenthaler (Technischer Leiter der Festspiele), Roland Schwab (Regisseur „Tristan und Isolde“), Vanessa Zuber (Stipendiatin der Gesellschaft der Freunde), Daniel Kirch (Loge „Rheingold“) und Manni Laudenbach (Oskar „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“) sowie Musiker aus dem Festspielorchester.

Hier Impressionen einiger Termine aus dem Sommer 2022.

Freunde treffen Freunde • Gespräch mit Valentin Schwarz

„Wahrheit will gemeinsam entdeckt werden“ – „Ring“-Regisseur Valentin Schwarz gab heute Einblicke in seine Arbeit

Er will kein Aufklärer sein, er möchte aber auch nicht verwirren: Valentin Schwarz, Regisseur der aktuellen „Ring“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen. Bei einer Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth berichtete Valentin Schwarz im Gespräch mit dem Kulturjournalisten Frank Piontek über seine Arbeit, seine Herangehensweise an Wagner und erläuterte das eine oder andere Detail aus seiner durchaus auch umstrittenen Inszenierung.

„Ich glaube an ein wahnsinnig aktives und aufgeklärtes Publikum“, sagte Valentin Schwarz. In Bayreuth treffe dies auch zu, wenn man das „einzigartige Erregungs- und Aufregungspotential“ so verfolge. Der junge österreichische Regisseur sah dies durchaus positiv: „Hier beschäftigen sich die Leute damit“. Sein Ziel sei es, Erfahrungen zu ermöglichen und gemeinsam mit dem Publikum die Wahrheit zu entdecken.

Das gelte ganz besonders für den „Ring“. Gleich mehrfach sprach Valentin Schwarz bei der Veranstaltung von einem „Mammutwerk“. Beim „Ring“ handle es sich um den „Höhepunkt den Musiktheaters“, so der Regisseur, der eigentlich schon 2020 Premiere feiern wollte. Corona-bedingt wurde die Inszenierung auf dieses Jahr verschoben.

Nicht immer waren die Teilnehmer der Veranstaltung einer Meinung mit Valentin Schwarz. Da war die Rede davon, dass man vor dem Werk Richard Wagners auch Respekt haben sollte. Der Regisseur konterte, dass er ja mit seiner Arbeit versuche, die Einfälle des Komponisten an das Publikum von heute heranzuholen. Eingriffe, Schärfungen und manchmal auch Widersprüche seien dabei durchaus legitim. Schließlich blicke man auf den Ring anders als vor 150 Jahren. Was er aber auf keinen Fall beabsichtige, ist es, das Publikum absichtlich zu verwirren.

Für Verwirrung sorgte dagegen die Frage einer Zuhörerin an Valentin Schwarz, ob er mit seinen 33 Jahren denn schon reif genug sei, den „Ring“ zu inszenieren. „Ich werde in den kommenden Jahren auch älter und reife nach“, sagte Valentin Schwarz schmunzelnd. Moderator Frank Piontek erinnerte an Patrice Chereau, dem Regisseur des unvergessenen Jahrhundertrings aus dem Jahr 1976. Chereau war damals auch erst 32 Jahre jung und brachte es in der Folge als Film-, Theater- und Opernregisseur zu weltweiter Berühmtheit.

So wie es Chereau damals tat, kündigte auch Valentin Schwarz an, den Bayreuther Werkstattgedanken ernst zu nehmen und das eine oder andere noch zu verändern. Die „Werkstatt“ sei einer der wesentlichen Punkte Bayreuths. Ihm sei es wichtig, dass sich sein „Ring“ weiterentwickelt: Ohnehin hänge das Musiktheater von so vielen Faktoren ab, dass es praktisch jeden Abend neu entstehe. „Einen Endpunkt gibt es nicht, die ständige Transformation ist ein wesentlicher Teil des Musiktheaters.“

Text und Bild: Stephan Herbert Fuchs

Valentin Schwarz und Dr. Frank Piontek in der Klaviermanufaktur Steingraeber

Zahl des Tages

Vorstellungen im Bayreuther Festspielhaus wird Christian Thielemann heute Abend mit der letzten Aufführung des Lohengrin der Saison 2022 dirigiert haben. Beginnend mit „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Jahr 2000 hat er zwischenzeitlich alle Bayreuther Werke dirigiert, wie auch Beethovens Neunte und im Jahr 2019 nach einer Probe die Titelmelodie von „Die Maus“ für deren Reportage über den aktuellen Lohengrin.

Richard Wagner Stipendienstiftung • Sommer 2022

In diesem Jahr begrüßen wir wieder knapp 250 junge Bühnenschaffende aus aller Welt zum Programm der Richard Wagner Stipendienstiftung, die von über 70 Wagnerverbänden weltweit und unserer Gesellschaft ausgewählt wurden. So werden am 17. August Stipendiaten aus über 30 Nationen in Bayreuth erwartet, die u.a. drei Vorstellungen im Festspielhaus besuchen und mit dem Internationalen Stipendiatenkonzert am 21. August Ihren Aufenthalt in der Festspielstadt beschließen.

Wir freuen uns, als Stipendiatin der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth Frau Vanessa Zuber in Bayreuth willkommen zu heißen:

Copyright by Peter van Heesen

„Als ich für das Stipendium der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e. V. vorgeschlagen wurde, fühlte ich mich sehr geehrt und war unglaublich begeistert, aber ich war auch überrascht. Ich war mir sicher, dass das Stipendium dramatischen Stimmfächern, Korrepetitor*innen und Orchestemusiker*innen vorbehalten war. Mein Dozent Rainer O. Brinkmann, der mich für das Stipendium vorgeschlagen hat, machte mich aber darauf aufmerksam, dass zum Musiktheater ja auch außerhalb des Grünen Hügels nicht nur große Stimmen und fantastische Musiker*innen gehören, sondern auch der ganze Apparat „drumherum“, kurzum: Regie, Dramaturgie, Vermittlung usw. Schließlich tragen diese Abteilungen zum Gelingen einer Produktion maßgeblich bei.

Ich bin Musiktheatervermittlerin am Theater Vorpommern und übernehme bei Produktionen für junges Publikum auch die Regie oder Dramaturgie. Ich bin sehr froh, dass ich also über diese Tätigkeit ein Stipendium erhalten habe und mir so meinen Weg nach Bayreuth bahnen durfte. Nach allem, was ich gehört habe, bin ich mir sicher, dass Bayreuth eine einzigartige Erfahrung für mich werden wird, genauso, wie meine erste Begegnung mit Wagner etwas Besonderes war. Ohne Übertreibung, höchstens mit einer Prise Romantik gewürzt, bezeichne ich den Besuch meiner ersten Wagner-Oper – tatsächlich war es „Das Rheingold“ in Weimar im Jahr 2011 – als offenbarendes Schlüsselerlebnis. Die hörbaren harmonischen Entwicklungen, die nicht nur die Handlung miterzählen, sondern auch die emotionalen Verwicklungen widerspiegeln oder gar auf das Unausgesprochene anspielen, haben mich dazu motiviert, mich vertieft mit Musiktheorie zu beschäftigen. Später dann habe ich mich auch musikwissenschaftlich mit Wagners Konzept des „Gesamtkunstwerks“ innerhalb meiner Masterarbeit über immersives Musiktheater auseinandergesetzt. Mein Weg zu Wagner verlief also direkt über die starke Wirkung, die seine Musik auf mich hatte.“ (Vanessa Zuber)