Ringwörterbuch • Reisig

Was ist eigentlich (und uneigentlich) eine reisige Maid? „Nun zäume dein Roß, reisige Maid! Bald entbrennt brünstiger Streit“ – so animiert Wotan seine Tochter zum Krieg. Das Grundwort lautet „reise“, womit ein wenig noch unsere allerdings zivile „Reise“ gemeint ist. „Reise“ bedeutet im Mittelalter „Kriegszug“, „Reisige“ begegnen daher auch im „Heerbann“ des Lohengrin: im Gefolge des Königs, bereit zum Aubruch zur Kriegsreise und gerüstet zum Krieg, also, wie es im Mittelhochdeutschen heisst, „reisic“. Gemeint waren damals vor allem Krieger zu Pferde, was zu Brünnhilde und ihrem Ross Grane sehr gut passt.

Richard Wagner hat im Textbuch zum Ring des Nibelungen aus künstlerisch nachvollziehbaren Gründen viele Wörter untergebracht, die heute kaum noch verstanden werden können, weil sie im normalen Sprachgebrauch seit langem ausgestorben sind. Jedes dieser fremdartig, ja kurios anmutenden Worte beruht auf historisch nachweisbaren Begriffen. Anlässlich der neuen Ring-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2022 erläutert Dr. Frank Piontek die fremdartigsten.

Ringwörterbuch • Glau

»Schein‘ ich nicht schön dir, niedlich und neckisch, glatt und glau« – Alberichs Selbstbild geht auf die angenehmen Eigenschaften, die dem im Gotischen als »glaggwus« erschlossenen Wort anhaften. »Glou«, so heißt es im Althochdeutschen. Ursprünglich bedeutet es »von scharfsinnigem Verstand, gewitzt, klug, gescheit«, von hier über die hellsehenden, hellen und glänzenden Augen war der Weg zu »sauber« und »nett« nicht mehr weit. Was sauber ist, ist zugleich glänzend, hell und glatt – Alberichs »glatt und glau« ist, wie »frank und frei«, eine literarisch oft auftretende typische Zwillingsformel. Das altertümliche Wort wird nach wie vor verwendet: im Neuenglischen »glow« (Leuchten, Glühen – wie im althochdeutschen »gluoen«) hat sich das althochdeutsche »glou« noch erhalten.

Ringwörterbuch • Alp / Albe

Alberich wird nicht grundlos von den Rheintöchtern und den Göttern als »Alp« bezeichnet und -schimpft, aber Alp (im Mittelalter ein gespenstisches Wesen und ein Gehilfe des Teufels) und Albe hängen so eng zusammen wie Alberich und der auch sprachlich verbundene Elfenkönig Oberon (altfranzösisch: Auberon), wobei »Alb« im Angelsächsischen »älf« heißt, das unserem »Elf« entspricht. Wird der eine als hässlicher Zwerg charakterisiert, so Shakespeares Elfenkönig als Lichtgestalt, quasi als »Lichtalbe« – Schwarzalben und Lichtalben, also die Söhne Nibelheims und Wallhalls, gehören dialektisch und sprachgeschichtlich wie zwei verwandte Brüder zusammen. »Albe« und »elber« sind im Mittelhochdeutschen identisch, »Alp« wurde im Lauf der Sprachgeschichte auf den negativen Bereich beschränkt: auch im Sinn des mitteldeutschen »Tor«, »Narr« oder »Idiot«. Wenn Wotan den Alberich anfährt: »Rasest du, schamloser Albe?«, ist gewiss auch letztere Bedeutung gemeint.

Ringwörterbuch • Sparen

Wotan will das Liebesspiel um Wandel und Wechsel nicht sparen, bevor er Donner befiehlt, seines Hammers Heft zu sparen. Durch Loge erfahren wir, dass wir es uns sparen können, den Ring aus dem Gold zu gewinnen. Froh fordert von Wotan, das Gold nicht zu sparen und den Ring den Riesen zu geben. Schließlich meint Hagen: »Doch meinem Speere spart‘ ihn sein Meineid?« Brünnhilde teilt ihm mit, dass sie, weil Siegfried niemals dem Feind wich, ihren Segen an Siegfrieds Rücken gespart habe. »Meinem Speere war er gespart, bei dem er Meineid sprach«, sagt Hagen schlussendlich.

Ursprünglich bedeutete »sparen« (altnordisch spara, althochdeutsch sparen) etwas unverletzt im guten, ordentlichen Zustand erhalten, also bewahren und schätzen. Von hier ging es über die »schonende Rücksicht« seit dem 16. Jahrhundert zur Unterlassung und Hinderung einer unnützen wie verwerflichen Handlung, schließlich zum heutigen Begriff – so wie man Geld spart, hält man buchstäblich etwas zurück: wie Donner den Hammer, wie Wotan (zunächst) den Ring, wie Brünnhilde ihren Segen. Im neuenglischen »to spare« ist der ältere Begriff noch enthalten: Wotan soll, in diesem Sinne, den Ring nicht schonen (indem er ihn in sein Sparkästchen tut), sondern weggeben – so wie Donner nicht verschwenderisch seinen Hammer abnützen soll und Hagens Speer für den Stich in Siegfrieds Rücken bewahrt wurde, wobei er »sunder sparn«, wie man im Mittelalter gesagt hätte, also (fast) ohne Verzug, kurzen Prozess mit Siegfried macht.

Ringwörterbuch • Neid

Das böse Wort gehört zu den Lieblingsworten der Protagonisten des «Ring» – auch in den Kombinationen Neides-Zoll, Neid-Höhle und all den anderen mit «Neid» gebildeten Begriffen. Ursprünglich bezeichnete es im gotischen «neid» und althochdeutschen «nit» nicht die negative Eigenschaft des Hasses, sondern des (Kampf-)Eifers, auch im Sinne eines Wettstreits. Im «Ring» findet sich allein die jüngere Bedeutung der Missgunst und des Hasses, die eine Zeit lang neben dem positiv besetzten guten Neid noch herlief. Vom bloßen Einsatz im Kampf war es nicht weit zum tödlichen Streit, der mit dem Wunsch der Vernichtung des Gegners oder dem Ziel einhergeht, ihn, weil man neidisch ist, zu berauben: so wie Alberich, der sein Gut, den Ring, naturgemäß nur mit seinem Neid wiedererlangen kann. Im «Rheingold» hatte er Wotan und Loge klar analysiert: «Nach Nibelheim führt Euch der Neid» auf den Ring. Sein Fluch richtet sich seltsamerweise auch gegen sich selbst: «Wer ihn nicht hat, den nage der Neid» – also der Eifer, den im «Neidspiel» mit den Rheintöchtern errungenen Ring buchstäblich neidisch und als «Neiding» (wie es in der «Walküre» heißt) wiederzuer-ring-en.