Ringwörterbuch • Kiesen

Von einer kies’te mich keine! Kampf kiesten wir nicht. Zum Kampfe kies‘ ich den Tag. Gegen mich doch kiestest du Lose: Die sind nicht die einzigen Sätze im »Ring«, in denen gekiest wird. Die älteste Wortform begegnet im Gotischen: kiusan, der Wortkern ist »kius« – von hier zum neuenglischen »choose« und französischen »choisir« ist es nicht weit. Denn »kiesen« heißt nichts anderes als »wählen« – ausgehend von gotisch »kus«: denn wer auswählt, prüft und kostet mit dem »gusto«, dem Geschmack, buchstäblich das, wozu er sich, wie Hunding den Kampf mit Siegmund und Brünnhilde in der Auseinandersetzung mit Wotan, schließlich entscheidet, also kürt. Letzteres Wort – »zur Wal kor ich ihn mir«, sagt Wotan – wurde relativ spät aus »kiesen« gewonnen.

Richard Wagner hat im Textbuch zum Ring des Nibelungen aus künstlerisch nachvollziehbaren Gründen viele Wörter untergebracht, die heute kaum noch verstanden werden können, weil sie im normalen Sprachgebrauch seit langem ausgestorben sind. Jedes dieser fremdartig, ja kurios anmutenden Worte beruht auf historisch nachweisbaren Begriffen. Anlässlich der neuen Ring-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2022 erläutert Dr. Frank Piontek die fremdartigsten.

Der fliegende Holländer • Zur Entwicklung der Sage 11

1834 publizierte Heinrich Heine seine Erzählung »Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski«. Diese Version sollte zur wichtigsten und unmittelbaren literarischen Quelle für Wagners Oper werden, deren Urfassung nicht zufällig in Schottland spielt. Herr von Schnabelewopski berichtet im 7. Kapitel vom Besuch einer Theateraufführung in Amsterdam, in der das Stück vom Holländer gespielt wird: mit den bekannten 7 Jahren, dem Bild mit dem bleichen Mann, dem Handel mit dem (schottischen) Kaufmann, der verkauften Braut, dem Treueschwur bis zum Tod, dem Sprung in die Fluten und der »Erlösung« des Holländers. Der Unterschied zu Wagners Version besteht darin, dass Heine durch die Rahmenhandlung die Geschichte satirisch kommentierte und seine Interpretation der Fabel mit einer Moral beendete: »Die Moral des Stückes ist für die Frauen, daß sie sich in acht nehmen müssen, keinen Fliegenden Holländer zu heuraten; und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, wie wir durch die Weiber, im günstigsten Falle, zugrunde gehn.«

Wagner hat die Figur des Fliegenden Holländers nicht erfunden. Bekannt ist, dass er sich von Heinrich Heine und einer lebensgefährlichen Schifffahrt inspirieren ließ, doch schon lange zuvor segelte der unheimliche Kapitän über die literarischen Weltmeere. Frank Piontek wird im Vorfeld der neuen Holländer-Inszenierung der B

Der fliegende Holländer • Zur Entwicklung der Sage 10

1825 veröffentlichte Wilhelm Hauff im »Märchen-Almanach auf das Jahr 1826« seine »Geschichte von dem Gespensterschiff«. Inspiration war ihm entweder die Sagenfassung in »Vanderdecken’s Message Home«, die 1821 im Stuttgarter» Morgenblatt für gebildete Stände« gedruckt wurde, oder Walter Scotts »Rokeby«. Hauffs Gespensterschiff wird von Leichen bevölkert, die sich nicht von der Stelle bewegen lassen. Der Kopf des (un)toten Kapitän ist mit einem Nagel an einem Schiffsmast befestigt, nachts erwachen er und der Steuermann, um in der Kajüte zu singen und zu trinken. Als die Toten an Land gebracht werden, zerfallen sie zu Staub. Bevor auch der Kapitän das Zeitliche segnet, berichtet er, dass er und die anderen Seeräuber einst einen frommen Derwisch ermordeten; zur Strafe hätten sie so lange als Untote leben müsse, bis sie das Meer in den Abgrund zog. So aber fanden sie an Land ihre Erlösung.

Wagner hat die Figur des Fliegenden Holländers nicht erfunden. Bekannt ist, dass er sich von Heinrich Heine und einer lebensgefährlichen Schifffahrt inspirieren ließ, doch schon lange zuvor segelte der unheimliche Kapitän über die literarischen Weltmeere. Frank Piontek wird im Vorfeld der neuen Holländer-Inszenierung der Bayreuther Festspiele einige dieser Quellen kurz beschreiben.

Der fliegende Holländer • Zur Entwicklung der Sage 9

Nachdem der Fliegende Holländer 1822 seinen Auftritt in Washington Irvings Roman »The Storm Ship in Bracebride Hall«, 1823 in Fenimore Coopers Roman »The Pilot« und 1825 in Thomas Capbells »Ballade« hatte, erhielt sie ihre erste Musiktheaterfassung im Jahre 1826. Edward Fitzball (1792 – 1873) schrieb das romantische Schauerstück und »Melodram« »The Flying Dutchman or the Phantom Ship« in Form eines dreiaktigen »Nautical Drama«, die Musik schrieb George Rodwell. Von Cooper übernahm Fitzball das Motiv der »Ur-Senta« und des »Ur-Erik«, also des Mädchens, das gegen seinen Willen von seinem alten Onkel verheiratet werden soll, und seines Liebhabers.

Wagner hat die Figur des Fliegenden Holländers nicht erfunden. Bekannt ist, dass er sich von Heinrich Heine und einer lebensgefährlichen Schifffahrt inspirieren ließ, doch schon lange zuvor segelte der unheimliche Kapitän über die literarischen Weltmeere. Frank Piontek wird im Vorfeld der neuen Holländer-Inszenierung der Bayreuther Festspiele einige dieser Quellen kurz beschreiben.

Der Fliegende Holländer • Zur Entwicklung der Sage 8

1821 wurde in William Blackwoods Edinburgh Magazine die Geschichte vom Holländer in einer längeren Erzählung von John Howison (Vanderdecken’s Message Home) ausgebreitet. Ausgehend vom im 17. Jhr. lebenden Kapitän Bernard Fokke, der aufgrund der Schnelligkeit seines Schiffs im Verdacht stand, ein Teufelsbündner zu sein, nannte Blackwood ihn in seiner Geschichte Hendrick »Vanderdecken«. Auch berichtetet er von Briefen an längst Verstorbene, die anderen Schiffen zur Übergabe angeboten werden, die aber, wenn sie angenommen werden, Unglück bringen. Hier schwört der Kapitän, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, auch wenn es bis zum Tag des Jüngsten Gerichts dauern sollte.

Wagner hat die Figur des Fliegenden Holländers nicht erfunden. Bekannt ist, dass er sich von Heinrich Heine und einer lebensgefährlichen Schifffahrt inspirieren ließ, doch schon lange zuvor segelte der unheimliche Kapitän über die literarischen Weltmeere. Frank Piontek wird im Vorfeld der neuen Holländer-Inszenierung der Bayreuther Festspiele einige dieser Quellen kurz beschreiben.