Ringwörterbuch • Lungerer

So werden Alberich und Wotan von Loge bzw. Mime bezeichnet. Wagner bezieht sich auf den ursprünglichen Sinn des Worts, wobei das neuhochdeutsche »Herumlungern« / »Herumstehen« durchaus noch mitschwingt. »Lungern« bedeutete zunächst noch, im negativen Sinn, »gierig aufpassen«, im Althochdeutschen bezeichnete die »lunge« das rasche Aufstehen, das Aufspringen. Wer herumlungerte, lauerte, quasi im vorbereitenden Sprung, auf eine Gelegenheit, ein bestimmtes Interesse zu befriedigen oder eine Tat auszuführen. Von hier aus zum faulen Herumstehen war es nur scheinbar weit, denn auch der Lungerer pflegt über eine gewisse Neugierde zu verfügen – so wie Alberich und Wotan, die entweder gierig auf die Weltherrschaft sind oder einfach nur neugierig wie Wotan scheinen.

Ringwörterbuch • Beute-Runen

Nachdem Loge die Geschichte des Rheingolds erzählt hat, bemerkt Wotan, dass dessen »roter Glanz« Beute-Runen enthalte. Das Wort »Beute« (im Altisländischen heißt es »byti«, im Englischen »booty«) ist im deutschen Sprachraum erst im späten Mittelalter bezeugt. Tauschen, wechseln, ansammeln, austeilen – dies sind die Grundbedeutungen des Begriffs in den alten Sprachen, von denen sich die letzte bis heute durchgesetzt hat: was auf der Jagd oder im Krieg erbeutet wird, wird – zumindest manchmal – unter den Dieben verteilt. Runen sind Schriftzeichen, im genaueren Sinne Zauberzeichen; im Altenglischen und im Gotischen weisen »rūn« und »rūn« auf ein Geheimnis, auch auf eine geheime Beratung hin. Über das althochdeutsche »rūna« gelangte das alte Wort noch in das neuhochdeutsche »raunen«. Das Rheingold raunt also dem, der es hören will, etwas von einem böswillig erlangten Gut zu, das nur durch Raub zu bekommen ist – was die Geschichte Alberichs zur Genüge beweist, der das Diebesgut allerdings nicht zu teilen gewillt ist, sondern die Beute lieber für sich behält.

Ringwörterbuch • Reisig

Was ist eigentlich (und uneigentlich) eine reisige Maid? „Nun zäume dein Roß, reisige Maid! Bald entbrennt brünstiger Streit“ – so animiert Wotan seine Tochter zum Krieg. Das Grundwort lautet „reise“, womit ein wenig noch unsere allerdings zivile „Reise“ gemeint ist. „Reise“ bedeutet im Mittelalter „Kriegszug“, „Reisige“ begegnen daher auch im „Heerbann“ des Lohengrin: im Gefolge des Königs, bereit zum Aubruch zur Kriegsreise und gerüstet zum Krieg, also, wie es im Mittelhochdeutschen heisst, „reisic“. Gemeint waren damals vor allem Krieger zu Pferde, was zu Brünnhilde und ihrem Ross Grane sehr gut passt.

Richard Wagner hat im Textbuch zum Ring des Nibelungen aus künstlerisch nachvollziehbaren Gründen viele Wörter untergebracht, die heute kaum noch verstanden werden können, weil sie im normalen Sprachgebrauch seit langem ausgestorben sind. Jedes dieser fremdartig, ja kurios anmutenden Worte beruht auf historisch nachweisbaren Begriffen. Anlässlich der neuen Ring-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2022 erläutert Dr. Frank Piontek die fremdartigsten.

Ringwörterbuch • Glau

»Schein‘ ich nicht schön dir, niedlich und neckisch, glatt und glau« – Alberichs Selbstbild geht auf die angenehmen Eigenschaften, die dem im Gotischen als »glaggwus« erschlossenen Wort anhaften. »Glou«, so heißt es im Althochdeutschen. Ursprünglich bedeutet es »von scharfsinnigem Verstand, gewitzt, klug, gescheit«, von hier über die hellsehenden, hellen und glänzenden Augen war der Weg zu »sauber« und »nett« nicht mehr weit. Was sauber ist, ist zugleich glänzend, hell und glatt – Alberichs »glatt und glau« ist, wie »frank und frei«, eine literarisch oft auftretende typische Zwillingsformel. Das altertümliche Wort wird nach wie vor verwendet: im Neuenglischen »glow« (Leuchten, Glühen – wie im althochdeutschen »gluoen«) hat sich das althochdeutsche »glou« noch erhalten.

Ringwörterbuch • Alp / Albe

Alberich wird nicht grundlos von den Rheintöchtern und den Göttern als »Alp« bezeichnet und -schimpft, aber Alp (im Mittelalter ein gespenstisches Wesen und ein Gehilfe des Teufels) und Albe hängen so eng zusammen wie Alberich und der auch sprachlich verbundene Elfenkönig Oberon (altfranzösisch: Auberon), wobei »Alb« im Angelsächsischen »älf« heißt, das unserem »Elf« entspricht. Wird der eine als hässlicher Zwerg charakterisiert, so Shakespeares Elfenkönig als Lichtgestalt, quasi als »Lichtalbe« – Schwarzalben und Lichtalben, also die Söhne Nibelheims und Wallhalls, gehören dialektisch und sprachgeschichtlich wie zwei verwandte Brüder zusammen. »Albe« und »elber« sind im Mittelhochdeutschen identisch, »Alp« wurde im Lauf der Sprachgeschichte auf den negativen Bereich beschränkt: auch im Sinn des mitteldeutschen »Tor«, »Narr« oder »Idiot«. Wenn Wotan den Alberich anfährt: »Rasest du, schamloser Albe?«, ist gewiss auch letztere Bedeutung gemeint.