Parsifalwörterbuch • Gral

»Wer ist der Gral? Das sagt sich nicht«, sagt Gurnemanz.
Tatsächlich hat sich die Bedeutung des »dinc« (wie es von Wolfram von Eschenbach, dem Dichter des Parzival, um 1200 bezeichnet wird) längst von seiner ursprünglichen Bedeutung emanzipiert.
Im Altfranzösischen bedeutet graal einfach Vorlegeschüssel. Das Wort hängt zusammen mit der frankolateinischen, in dieser Schreibweise erstmals 1010 bezeugten gradalis, einer großen, etwas vertieften Platte, in der den Wohlhabenden die kostbarsten Speisen gereicht wurden. Vermutlich leitet sich dieser Begriff vom griechischen kratér ab (ein Krug/Kessel für Wein).
Erst Ende des 12. Jahrhunderts wurde in der französischen Grals-Epik das »dinc« mit einer Christus-Reliquie verbunden und erfunden: mit dem Gefäß – einer Schale oder, wie im Parsifal, einem wundertätigen, lebensspendenden Kelch, der beim letzten Abendmahl in Einsatz kam, und mit welchem das Blut Christi am Kreuz aufgefangen wurde.
Neuere Herleitungen des Gral aus dem sang real (dem königlichen Blut Christi) sind hübsch, aber unsinnig.

Da Parsifal in diesem Jahr als Neuinszenierung auf dem Bayreuther Spielplan steht, haben wir uns vorgenommen, jeden Monat einen besonderen Begriff aus Wagners Wortschatz vorzustellen. Unser Autor ist der Musikwissenschaftler Dr. Frank Piontek.

Parsifalwörterbuch • Schwan

Wieso heißt der Schwan eigentlich Schwan? Schwan leitet sich ab vom indogermanischen Verb svéno, d.h: tönen, klingen, das auch im sanskritischen svánas und svaná (Geräusch, Ton) und im lateinischen sonare bzw. sonus (Ton) zu finden ist. Von hier aus wurde es zum mittelhochdeutschen swan.

Dass ein Schwan singt und einen Schwanengesang anstimmt: dies ist also schon in seinem Namen enthalten. Der Schwan ist – auch als Sänger – ein Symbol der Treue und des Todes; dass er von Parsifal vom Himmel geholt und getötet wird, bezeichnet die letzte Stufe seiner Existenz, in der sein Gesang endgültig verstummt ist.

Da Parsifal in diesem Jahr als Neuinszenierung auf dem Bayreuther Spielplan steht, haben wir uns vorgenommen, jeden Monat einen besonderen Begriff aus Wagners Wortschatz vorzustellen. Unser Autor ist der Musikwissenschaftler Dr. Frank Piontek.

Parsifalwörterbuch • Heiltum

»Dem Heiltum weihe er das Heiligtum«, singt Gurnemanz über Titurels Gralstempelgründung.

Im Heiligtum werden die Heiltümer Schale und Lanze verwahrt, also die Reliquien, die an Christi Abendmahl und seinen Tod erinnern. Im Wort, das erstmals im Mittelhochdeutschen im konkreten Sinne von »Reliquie« erscheint, steckt der Kernbegriff Heil, der schon in der gotischen Sprache (hails) bezeugt ist (vielleicht leitet es sich vom sanskritisch belegten kalya-s: gesund ab). Im heutigen heil ist seine erste Bedeutung noch enthalten: unverletzt, gesund.

Schon früher wurde der Begriff Heiland gebildet und auf Christus bzw. Gott gemünzt (Wagner bringt im Parsifal ausschließlich diese sprechende Bezeichnung für den ungenannten Christus). Mit ihm hängen die Reliquien zusammen, die – bei der Berührung – dem Menschen Heil erweisen sollen, indem sie ihn geistig und/oder körperlich gesund machen sollen: wie Amfortas und all die anderen.

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Parsifalwörterbuch • Urlaub

Amfortas ist verwundert, als er hört, dass Gawan ohne seine Erlaubnis das Gralsgebiet verlassen hat: Ohn‘ Urlaub? (Parsifal I 1)

Die wörtliche Bedeutung lautet noch: Erlaubnis und Abschied. Im Mittelhochdeutschen heisst das Verb daher noch erlouben. Erst im 16. Jahrhundert beginnt die Begriffsverschiebung zum spezielleren Erlaubnis, zu gehen.

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Parsifalwörterbuch • der Tor

Parsifal ist bekanntlich ein »reiner Tor«.

Dem mittelhochdeutschen Tôr ist das althochdeutsche tûsig (wie in Dusel) verwandt. Ein Tôr ist ein Geistesgestörter, der töricht ist, d.h: jemand, der nicht hören will und kann, weil er gleichsam taube Ohren hat. Aus dem pathologisch Irren wurde im Lauf der Sprachgeschichte ein Mensch, der gegen den Verstand handelt, weil er – anders als etwa der weise Gurnemanz – unvernünftig ist: ein »blöder [schwacher], taumelnder Tor«, wie Parsifal sich selbst im Gespräch mit Kundry bezichtigt.

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